Kontinuität und Veränderung – das große Spiel der Stadt
In der Gestalt der Stadt zeigt jede Gesellschaft, wer sie ist, und wer sie sein will. So spiegeln die Bilder der Stadt immer das soziale, ökonomische und kulturelle Bewusstsein der Gesellschaft. Die Bilder lagern sich wie geologische Schichten in der Gestalt der Stadt ab. In der Evolution des Bewusstseins der Gesellschaft entstehen aber immer wieder neue Energien, die in die Gestalt der Stadt transformiert werden müssen, damit die Stadt die Stadt der Menschen ihrer Zeit bleibt. Die Betreuung dieser Transformation ist eine zentrale Aufgabe der Gesellschaft jeder Zeit.

Wenn ich deshalb von der Betreuung der Gestalt der Stadt, vom Städtebau unserer Zeit, reden will, muss ich die spezielle Situation dieser Zeit interpretieren. Ich nenne sie die Zeit jenseits der Moderne. Ich muss zeigen, wieso ich sie so nenne und was diese Zeit für den Umgang mit der Gestalt der Stadt von heute bedeutet.
Wenn ich das ernst nehme, was ich erfahre habe, ist unser Umgang mit der Stadt in der Moderne viel zu eng geworden. Der Städtebau der Moderne ist von der Reduktion unseres Bewusstseins auf unsere Rationalität, von der Angst vor unserer Emotionalität und Spiritualität, vom Glauben an die exklusive Macht der Wissenschaft und Technik und der daraus resultierenden Kontrollsucht bestimmt. Daraus sind oft aggressive, arme und banale Städte entstanden. Wenn ich das ernst nehme, was ich bei meinen Recherchen in der inneren und äusseren Welt erfahren habe, entsteht in unserer Zeit ein anderes Bewusstsein für das, was die Taoisten "die Welt der 10 000 Dinge" nennen. Dieses neue Bewusstsein könnte zu einem sinnvolleren Umgang mit unseren Städten und im speziellen mit ihren Altstädten führen. Daraus könnten bessere und schönere Städte entstehen.
Die Reintegration von in der Moderne verdrängten und verkümmerten Dimensionen und die Wiederverknüpfung in und durch Kunst, Wissenschaft und Philosophie sind die wichtigsten Themen bei der Betreuung der Veränderung der Stadt jenseits der Moderne. Damit dies möglich wird, müssen die grossen Themen des Bewusstseins jenseits der Moderne akzeptiert und integriert werden.
Vier grosse Bereiche stehen im Vordergrund:
- Die Reintegration der nicht rationalen Dimensionen des menschlichen Seins
- Die Reintegration eines Bewusstseins der Polarität alles Seins
- Die Reintegration des Bewusstseins der Einheit von Mensch und Natur
- Die Reintegration der Essenz der Ästhetik
Wir dürfen und sollen elementare Aspekte der Moderne bewahren. In diesem Sinn geht es nicht um Gegenentwürfe zum Dogma des modernen Städtebaus. Wir müssen aber radikal Neues in den Umgang mit der ständigen Transformation der Stadt integrieren - und unsere Zeit ist voll von neuem. Vertieft werden diese Überlegungen in meinem Buch "Learning from China – das Tao der Stadt", das im Birkhäuser Verlag erschienen ist.
Carl Fingerhuth


